Was ist Modelltheorie?
Einführung
Modelltheorie ist einer der großen Teilbereiche der
mathematischen Logik. Hier sind drei aus der Literatur gegriffene
Definitionen:
- Chang und Keisler: "Modelltheorie = Logik + universelle Algebra"
- Hodges: "Model theory is the study of the construction and
classification of structures within specified classes of
structures".
- und "Modelltheorie = algebraische Geometrie ohne über
Körper zu reden" (ungefähr so bei Hodges zitiert.)
Statt nur eine Struktur M gesondert zu untersuchen, betrachtet die
Modelltheorie eine ganze Klasse K von Strukturen, nämlich
diejenigen Strukturen N, die in einer bestimmten, dem Problem
gemäßen formalen Sprache die gleichen Eigenschaften wie M
besitzen. Als Vorteil ergeben sich größere Freiheitsgrade,
neue Untersuchungstechniken, und im günstigsten Fall ist eine
solche Struktur N leichter zugänglich als M.
In der Regel arbeitet man mit der Logik der ersten Stufe und nimmt
für K die zu M elementar äquivalenten Strukturen,
d.h. diejenigen, die sich nicht durch eine erststufige Formel von M
unterscheiden lassen. im Falle eines algebraisch abgeschlossenen
Körpers M sind dies alle anderen algebraisch abgeschlossenen
Körper der selben Charakteristik. Im allgemeinen ist es nicht
einfach zu bestimmen, welche Strukturen zu einem gegebenen M elementar
äquivalent sind.
Die Logik der ersten Stufe gibt einem nämlich zwei wichtige
Hilfsmittel an die Hand: den Kompaktheitssatz und den
Satz von Löwenheim-Skolem-Tarski. Letzterer garantiert
zu jeder unendlichen Struktur M und jeder unendlichen Kardinalzahl
µ die Existenz einer zu M elementar äquivalente Struktur
der Mächtigkeit µ. Der Kompaktheitssatz besagt, daß
eine Menge von Aussagen (ein Axiomensystem) schon dann ein Modell hat,
wenn jede endliche Teilmenge davon ein Modell besitzt.
Auf diesen beiden Sätzen gründet sich ein Wechselspiel
zwischen Semantik und Syntax, d.h. zwischen Eigenschaften der
Strukturklasse einerseits und der Komplexität einer
Axiomatisierung der Strukturen andererseits. Ein kleines Beispiel
dafür:
Satz: Jede injektive konstruktible Abbildung Cn ->
Cn ist surjektiv.
(Konstruktibel bedeutet, daß der Graph der Funktion durch
Polynomgleichungen und -ungleichungen beschrieben wird.)
Beweis: Diese Eigenschaft gilt in endlichen Körpern und
läßt sich (für jedes gegeben System von
Polynomgleichungen und -ungleichungen) in einer erststufigen Formel
der Form für alle ... es gibt ... beschreiben.
Erste Anwendung der Modelltheorie: dann gilt sie in aufteigenden
Vereinigungen von Körpern, in denen sie gilt, also auch in den
algebraischen Abschlüssen der endlichen Primkörpern.
Zweite Anwendung der Modelltheorie: gilt eine erststufige Eigenschaft
in allen algebraisch abgeschlossenen Körpern positiver
Charakteristik, so in sämtlichen algebraisch abgeschlossenen
Körpern.
Die Modelltheorie gliedert sich wiederum in verschiedene Teilbereiche,
etwa:
- Allgemeine Modelltheorie:
Dieser Bereich mit der Entwicklung der grundlegenden Sätze und
Techniken kann als abgeschlossen betrachtet werden, auch wenn einige
Fragen wie Vaughts Vermutung bis heute offen sind.
- "Algebraische Modelltheorie"
untersucht mit Hilfe modelltheoretische Methoden konkrete
algebraische Strukturen, etwa Moduln oder bewertete Körper.
- Klassifikationstheorie:
Welche Bedingungen an eine Theorie erlauben es, deren Modelle durch
Kardinalzahlinvarianten zu klassifizieren (wie z.B. Vektorräme
über einem festen Körper durch die Dimension)? Diese Frage
ist durch Shelahs Arbeit inzwischen beantwortet, der Bereich hat
sich aber weiterentwickelt zu
- "Geometrische Modelltheorie":
Im Falle "schöner" Theorien, etwa o-minimale oder superstabile
von endlichem Rang, kann man strukturelle Aussagen über die
Modelle gewinnen, z.B. daß diese unter bestimmten Bedingungen
algebraische Varietäten sind. Sowohl die Bedingungen an die
Theorie als auch die Aussagen sind oft geometrischer Natur.
Stabilitätstheorie wurde
ursprünglich synonym für Klassifikationstheorie benutzt,
wird aber heute gerne im weiteren Sinne der "Geometrische
Modelltheorie" verstanden.
- Die Endliche Modelltheorie ist
von der Frage ausgegangen, welche modelltheoretischen Eigenschaften
für Klassen von endlichen Strukturen gelten. Da grundlegende
Sätze wie der Kompaktheitssatz hier versagen, sucht man nach
anderen aussagekräftigen Logiken: stärkeren wie etwa Fixpunktlogiken, aber auch
schwächeren z.B. mit endlich vielen Variablen. Über diese
Logiken gibt es Bezüge zur Komplexitätstheorie und
Datenbanken, womit die endliche Modelltheorie aus dem Bereich der
eigentlichen Modelltheorie hinausgeht.
Literatur
- M. Ziegler, Vorlesungsskript
Modelltheorie
I, WS97/98.
- M. Ziegler, Vorlesungsskript
Modelltheorie
II, SS96.
- Ph. Rothmaler Einführung in die Modelltheorie,
Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 1995.
- B. Poizat Cours de théorie des modèles,
Nur Al-Mantiq Wal-Ma'rifah, Villeurbanne 1995.
- W. Hodges Model Theory, Cambridge University Press 1993.
Links
Sternstunden
- Der Satz von Löwenheim.
- Der Gödelsche Vollständigkeitsatz.
- Der Satz von Ax-Kochen-Ershov.
- Der Satz von Morley.
Offene Fragen
- Vaughts Vermutung: hat eine abzählbare vollständige
Theorie entweder abzählbar viele abzählbare
Modelle oder kontinuumsviele?
Markus Junker, 25. Mai 2000.